Ringvorlesung am 29.10.2013 – Auswege aus der gescheiterten Entwicklungspolitik zur Armuts- und Hungerbekämpfung

In der heutigen Ringvorlesung begrüßen wir

Herrn Prof. Dr. Nasir El Bassam

„Lampedusa ist der bedrückendste Beweis für eine auf der ganzen Linie gescheiterte Entwicklungs- und Flüchtlingspolitik.“

Armut ist der Auslöser für Hunger und nicht umgekehrt. Sie ist nie monokausal, sondern multikausal, nicht nur rural, sondern auch urban. Betroffen von ihr sind vor allem Frauen und Kinder. Wir haben heute eine deutliche Überproduktion von Lebensmitteln in einigen Teilen der Welt. Trotzdem leiden mehr als 900 Millionen Menschen an Hunger und 1 Milliarde gelten als unterernährt. Diese Menschen haben keinen oder nur begrenzten Zugang zu Nahrung oder können sie sich finanziell nicht leisten.
Auf der anderen Seite landen 50% der Nahrungsmittel im Müll, oftmals original verpackt, wie dies in dem Film „Tast the Wastes“ auf eine eindrucksvolle Weise dokumentiert wurde.

Außerdem führen ungeeignete oder fehlende Lager- und Transportmöglichkeiten in den Entwicklungsländern zu enormen Nachernteverlusten. Weltweit beträgt die weggeworfene Menge rund 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel. Dies führt nicht nur zu enormen Wirtschaftseinbußen von etwa 600 Milliarden Euro und zur Vernichtung von Wasser- und Energieressourcen, sondern richtet auch große Umweltschäden an. Nahezu ein Drittel, genauer 28%, der global angebauten Ackerfläche wird also beansprucht, um Nahrung zu produzieren, die nie verzehrt wird. Fast 10% der landwirtschaftlichen Nutzfläche werden in den Industrienationen für Hunde-, Katzen- und Pferdefutter verwendet. Die für die Herstellung von Biokraftstoffen weltweit genutzte Agrarfläche beträgt dagegen nur rund 1-2%.

Unsachgemäße Wirtschaftspolitik, Vergeudung von Lebensmitteln, Wassermangel, Dürre, Wüstenausbreitung, Bodenversalzung und Übernutzung von Agrarland haben zu der weltweiten Verbreitung der Armut beigetragen, ebenso Kriege, Vertreibung, Flucht, despotische Machthaber, Ungerechtigkeit und fehlende Demokratie. Darüber hinaus steht die Menschheit vor immensen Herausforderungen: Klimawandel, Naturkatastrophen, Zerstörung der Umwelt und radioaktive Kontamination von Böden, Vegetation und Wasser durch Explosionen von Atomkraftwerken (Beispiele Tschernobyl und Fukushima).

Energie ist essentiell und existentiell. Eine reale wirtschaftliche Entwicklung ist ohne ausreichende Verfügbarkeit von Energie unmöglich. Die fortgesetzte Abhängigkeit der Weltwirtschaft von fossiler und nuklearer Energie wird kaum zu einer signifikanten Abnahme des Hungers führen. Das Fossil-Nukleare Energie-Modell der letzten zwei Jahrhunderte ist eindeutig nicht mehr zukunftsfähig. Standortbezogene und autarke Energiebereitstellung aus regenerativen Ressourcen bietet die Chance, die Lebensbedingungen der Menschen in weiten Teilen der Welt nachhaltig zu verbessern. Lösungen für erneuerbare Energien müssen daher an den Bedürfnissen der einzelnen Gemeinde bzw. Region ausgerichtet sein.

Die Hunger- und Armutsbekämpfung wird die internationale Debatte in den kommenden Jahrzehnten dominieren und muss zum Nutzen aller Länder – nicht nur einiger entwickelter Länder – sein! Die Zeit ist reif für progressive politische Initiativen zur Lösung der Nahrungs-, Wasser-, Energie- und Klimafragen unter Wahrung der Würde jedes einzelnen Menschen.
Die Forcierung der Forschung, des Dialogs, der Verständigung und der respektvollen Zusammenarbeit zwischen den Ländern, Völkern und Menschen bilden die Grundlagen für eine nachhaltige Welt, in der die Menschheit in Frieden und Würde leben kann. „Business as usual“ kann uns nur in eine Sackgasse führen und würde bedeuten, dass wir weiterhin verstärkt auf Kosten der kommenden Generationen leben und die noch verbliebenen Ressourcen plündern.

Es fehlt noch immer das Bewusstsein, dass Energie, Nahrungsmittel, Wasser sowie das Klima eng miteinander verbunden sind. Isolierte Lösungen sind nur Kosmetik.

In diesem Zusammenhang bietet die FAO, mit dem UN/IFEED -Konzept der „Integrierten Energiefarmen und Siedlungen“ (IEF) eine der umfassendsten Strategien zur Bekämpfung der Armut und damit des Hungers. Es berücksichtigt die integrierte Produktion von Energie und Lebensmitteln, die kombinierte Verwendung der verschiedenen erneuerbaren Energien und beinhaltet soziale, pädagogische, wirtschaftliche und ökologische Komponenten sowie Genderfragen.
Das Konzept eignet sich für die unterschiedlichen klimatischen Bedingungen und orientiert sich an den Bedürfnissen der Bevölkerung der verschiedenen Standorte. Es erforscht die Schnittstellen und die möglichen Synergien zwischen „Cradle-to-Cradle“ und Produktinnovationen. Eine weitere intelligente Nutzung erneuerbarer Energien sind die Solaroasen, die IFEED geplant hat. Hier wird neben der Energieerzeugung auch die anfallende Prozesswärme von solarthermischen Anlagen genutzt, um unwirtliche Räume lebenswert zu machen, indem ausreichend Wasser gewonnen wird.“

N. El Bassam
Internationales Forschungszentrum für Erneuerbare Energien (IFEED)
IFEED e. V. Fabrikstraße 6, D-38159 Vechelde, Germany
E-mail : info@ifeed.org , Internet : www.ifeed.org

Für mehr Informationen folgt dem Link zu einem interessanten Interview mit Herrn Prof. Dr. Nasir El Bassam unter der Rubrik „Leser fragen“ der Braunschweiger Zeitung

Bis 18.30 Uhr, SN 19.4 im Altgebäude.
Wir freuen uns auf Euch!

Haltet die Augen offen.
Euer StAgEz e.V.

Das ganze Programm der Ringvorlesung hier.

29. Oktober 2013 von stagez
Kategorien: Ringvorlesung Umwelt und Entwicklung | Schreibe einen Kommentar

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